Wegzeichen

6. Juli 2026

Mach es dir lecker, nicht schwer

haltungpraxis

Noch ein Programm. Noch eine Routine. Noch etwas, das man durchziehen muss.

So klingt es, wenn Menschen vom Üben sprechen. Die Morgenroutine wird getrackt, die Meditation gestreakt, das Dehnen vermessen. Selbst die Ruhe ist ein Projekt geworden · mit Zielen, Apps und schlechtem Gewissen.

Ich kenne das von mir selbst. Und ich kenne den Moment, in dem ein Satz diese ganze Maschinerie zum Stehen brachte.

„Mach es dir lecker"

Peter den Dekker, ein niederländischer Qigong-Lehrer, beschreibt in seinem Buch über das Stille Stehen ein Problem, das jeder kennt, der je etwas regelmäßig tun wollte:

Willenskraft und natürlicher Aufwand sind keine guten Freunde. Der alte Tempeh-Meister hatte geraten, es lecker zu machen, egal um was es sich handelt. Wenn etwas wunderbar schmeckt, braucht es überhaupt keine Überwindung, es später wieder zu essen. Peter den Dekker · Die Dynamik des Stillen Stehens

Und dann wird er ganz konkret: Steh nur eine Minute · und genieße sie. Mach nur die angenehmen Übungen. Lass die schwierigen weg. Sie kommen später von selbst, wenn Disziplin kein Thema mehr ist.

Als ich das zum ersten Mal las, war mein erster Reflex: Das kann nicht stimmen. Das ist zu leicht.

Genau dieser Reflex ist das Problem.

Reflexionsfrage

Warum glaubst du eigentlich, dass nur zählt, was schwerfällt?

Der Verdacht gegen das Angenehme

Wir tragen einen alten Verdacht in uns: Was sich gut anfühlt, kann nicht wirksam sein. Wirksam ist das Bittere, das Frühe, das Harte. Also machen wir aus allem eine Anstrengung · und wundern uns, dass wir nach drei Wochen aufhören.

Dabei zeigt die Erfahrung das Gegenteil. Was schmeckt, wiederholt sich von allein. Der Körper erinnert sich an Vergnügen zuverlässiger als an Vorsätze. Niemand braucht Willenskraft, um etwas zu tun, das er mag.

Das Hui Chun Gong kommt dieser Haltung entgegen. Die Bewegungen sind weich, langsam, angenehm · sie waren nie anders gedacht. Achthundert Jahre lang hat niemand dabei geschwitzt, gezählt oder sich übertroffen. Der Frühling, nach dem die Übung benannt ist, kommt auch nicht mit Gewalt.

Ja, wir üben früh am Morgen. Aber früh heißt nicht hart. Das Aufstehen ist die einzige kleine Schwelle · danach beginnt etwas, das sich gut anfühlen darf. Es soll sogar. Sonst kommst du nächsten Montag nicht wieder, und alle Disziplin der Welt wird daran nichts ändern.

Reflexionsfrage

Was würdest du anders üben, wenn Genuss das Kriterium wäre · nicht Überwindung?

Üben, das schmeckt

Vielleicht ist das die leiseste Provokation, die dieses alte Qigong für unsere Zeit bereithält: Du musst dich nicht optimieren. Du darfst es dir gut machen.

Nicht bequem im Sinne von gleichgültig. Sondern lecker im Sinne des alten Meisters: so, dass der Körper sich erinnert und wiederkommen will.

Wenn du das ausprobieren magst: Montags um 6:00 Uhr üben wir gemeinsam · 45 Minuten, live, ohne Leistung, ohne Zählen. Ein einzelner Montag kostet 25 €.

Mach es dir lecker.

Wegzeichen

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